Neues Deutschland: Die Warnungen der Kunst, von Wolfgang Brauer
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Die Warnungen der Kunst
Von Goethes Brotschimmel, dem Scheitern der Gralsritter und demolierten Kindheiten
Vom 25. September bis zum 26. Oktober 1813 schrieb Friedrich Rochlitz Tagebuch. Daran wäre nichts Ungewöhnliches, wenn sich der Musikschriftsteller zu jener Zeit nicht in Leipzig aufgehalten hätte. Hautnah wurde er so zum Zeugen jenes Gemetzels, das als »Völkerschlacht« in die Geschichte einging. Friedrich Rochlitz wusste, dass er Augenzeuge historischer Ereignisse wurde, und er schrieb auf, was er sah, hörte und roch. Mehrmals am Tage inmitten all der Not, bedrängt von Furcht um die Familie und eigener Todesangst. In einer Vorrede rechtfertigt er sein Vorgehen: »Gleichwohl … ziehen mit der später gefundenen Wahrheit auch der später gebildete Irrtum mit und nimmt, findet er nicht Widerspruch, Sitz und Stimme in der Geschichte …«
Rochlitz hatte bereits zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Büchleins 1816 mit politisch zurechtgebogener (»später gefundener«) Wahrheit zu tun. Die Repressionsmaschinen der Restauration liefen auf Hochtouren. Goethe, der Rochlitz schätzte und das vaterländische Getue verachtete, scheint nicht zuletzt durch Rochlitzens Schrift inspiriert worden sein, das Tagebuch seiner Kriegserlebnisse aufzuschreiben. 1822 erschien seine »Kampagne in Frankreich«. Dieser Feldzug lag nunmehr 30 Jahre zurück und Goethes Buch ist Literatur, keine historische Reportage. »Wenn etwas ins Diffuse gerät, hält man sich an die Dinge, die greifbar erscheinen«, sagte Joochen Laabs am 5. 9. 2009 im ND-Gespräch. Goethe hielt sich auf dem Rückzuge nach der Kanonade von Valmy am »Phänomen hellgrüner Steine« fest, die sich als verschimmeltes Brot erwiesen.
Die feinen Sensoren der Kunst spüren allerdings oft Wundernswertes auf. So setzte am Beginn der 1970er Jahre in der DDR eine zunächst wenig Aufsehen erregende, aber sehr intensive Zuwendung von Literaten, bildenden Künstlern und Theaterleuten zu den großen Mythen der Weltkultur ein. Franz Fühmanns »Hölzernes Pferd« (1968) wurde noch in die Rubrik »Kinderbuch« abgetan. Die Debatte um Christa Wolfs »Kassandra« geriet dagegen 1983 zu einer Haupt- und Staatsaktion. Die Zensureingriffe in die der Erzählung vorangestellten »Frankfurter Vorlesungen« zeugen davon, dass die Gralshüter der einzig wahren Lehre inzwischen eine Ahnung von der Gefährlichkeit der in diesen Texten geschmuggelten Konterbande hatten. »Auch sie wird von jener Blindheit befallen, die an Macht gekoppelt ist. Auch sie wird die Zeichen übersehen. Auch ihr Haus wird untergehen.« So Christa Wolfs Kassandra über Klytaimnestra, als die Gefangene des Agamemnon der mykenischen Königin entgegentrat. Da wurde nur auf den ersten Blick der Mythos verhandelt. Da ging es urplötzlich um sehr Gegenwärtiges. Da stießen sehr konkrete Menschen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.
Klio, der man später die Geschichtsschreibung zuordnete … Klio heißt »die Rühmerin«, kein sehr nettes Wort. Manche behaupten, sie sei die Mutter des Hymenaios, des Gottes der Hochzeit und Namenspatrons der Hymne.
Es waren die Jahre, in denen in der DDR erstmals öffentlich, wenn auch stark verschlüsselt, die Möglichkeit des Endes des sozialistischen Versuches angesprochen wurde. Fühmann erklärte diese merkwürdige Verbandelung von DDR-Alltagserfahrung mit den Geschichten der Alten: Der Mythos mache es möglich, »die individuelle Erfahrung … an Modellen von Menschheitserfahrung zu messen«. Die Menschheitserfahrung widerspricht nun einer strikt »nach oben« verlaufenden Kurve gesellschaftlichen Fortschritts: »Weil datt man … allens Luch und Truch is … und nix aus purem Gold«, sagt Holde-Barbara Ulrichs »etwas knöseliger Onkel Jula« in der DDR-Abrechnungs-Erzählung »Good-bye Stalin«.
Weshalb ausgerechnet Marxisten einem Fortschrittsglauben huldigten, der mehr mit Leibnizscher Zweckmäßigkeitsphilosophie denn mit Marxscher Gesellschaftsanalyse zu tun hatte, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Voltaire wurde in der DDR viel gelobt. Sein »Candide«, der an solchen Heilslehren kein gutes Haar lässt, kaum gelesen. Dazu hätte er wohl verboten werden müssen. Im Gegenteil, ganze Philosophenschulen mühten sich, den im realen Sozialismus immer offenkundiger werdenden Widersprüchen einen »nichtantagonistischen Charakter« zuzuweisen. Candides optimistischer Lehrer Pangloss, der jede Katastrophe als Beitrag zum Besten der besten aller Welten umdeutete, feierte in akademischen Kreisen der DDR fröhliche Auferstehungsfeiern.
Konsequenterweise dominierte in der nationalpreisverdächtigen Literatur lange Zeit das von einigen Dogmatikern als Gattung heftig bekämpfte Märchen. Nur ohne Zauberei und Wunder, darum entschieden langweiliger. Franz Fühmann stellte 1975 in seinem schon zitierten Akademie-Vortrag fest, dass Märchen den Widerspruch wegschafften, der Mythos ihn hingegen wiedergebe, also »mit dem Leben überein« stimme. Das war gefährlich. 1982 verbot die Kulturbundleitung das von ihr selbst in Auftrag gegebene interdisziplinäre Kunstprojekt »Prometheus ’82«. Einer ihrer Kunstrichter ließ sich 1992 dazu verführen, anlässlich der grusligen Ausstellung »Auftrag: Kunst« im Berliner Zeughaus das Handeln der damaligen Zensoren als äußerst verwerflich darzustellen. Er irrte. Es war nur selbstmörderisch dumm. Peter Weiss’ »Ästhetik des Widerstandes« dagegen ließ sich 1983 nicht mehr verhindern. Die Käufer der lächerlich geringen DDR-Ausgabe wurden allerdings namentlich erfasst. Weiss beging das Sakrileg, die Mythen der »Geschichte der Arbeiterbewegung« abzuklopfen und gelangte zur Feststellung, dass diese eher der Welt des Märchens zugehörten. Diese sind, um wieder mit Fühmann zu sprechen, »das denkbar Unnatürlichste« – weil widerspruchsfrei.
Wenige Wochen vor der Implosion der DDR veröffentlichte die Zeitschrift »Sinn und Form« Christoph Heins Stück »Die Ritter der Tafelrunde«. Hein nutzt den mythologischen Stoff des Artus-Kreises und der Gralslegenden, um ein kaum verschlüsseltes Gegenwartsstück zu schreiben. Mordret, der Sohn von König Artus, soll das Artusreich übernehmen. Er mag es nicht. Er glaubt nicht an den Gral. Die Gralsritter hält er für lebendige Fossilien. »Du wirst viel zerstören«, sagt Artus am Ende des Stückes zu seinem Sohn. Der antwortet lapidar: »Ja, Vater.« Es sollte schlimmer kommen: »Was haben wir von Mordret zu erwarten …! Sie werden alles zerstören und aufgeben.« Das legte Hein dem Gralsritter Keie, einer Art Mielke-Hager-Verschnitt, in den Mund. Der Rest ist bekannt. Binnen sechs Jahren wurde die Vision der Troerin bittere Wirklichkeit.
Müßig darüber zu sinnieren, ob und wann das in die Untiefen geratene Schiff hätte umgesteuert werden können. Müßig darüber zu diskutieren, ob und wann ein Wechsel auf der Brücke den Schiffbruch hätte verhindern können. Der Kahn war nicht seetüchtig genug. Das spricht nicht gegen die Idee, man müsse die See befahren. Das spricht noch nicht einmal gegen die, die es versuchten. Auch Odysseus umsegelte nicht freiwillig das Meer. Letztendlich kam er an, wenn auch unter entsetzlichen Verlusten. Der Preis war hoch. Auch Homer hielt ihn für zu hoch.
So mancher Kotau vor der »öffentlichen Meinung« über die DDR erinnert an ein Spottlied Wolf Biermanns über einen Mann, dem sein verdreckter Fuß missfällt: Er hackt ihn einfach ab.
Schwierig wird es, wo zur Erinnerung geronnenes Erfahrenes – nichts anderes ist erzählte Geschichte – politischer Macht begegnet. Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung und des Gedächtnisses, wurde durch Zeus zur Mutter der neun Musen, mithin auch der Klio, der man später die Geschichtsschreibung zuordnete. An deren charakterlicher Lauterkeit müssen bereits die Griechen ihre Zweifel gehabt haben. Klio heißt »die Rühmerin«, kein sehr nettes Wort. Manche behaupten, sie sei die Mutter des Hymenaios, des Gottes der Hochzeit und Namenspatrons der Hymne. Auch wenn die olympischen Personenstandsakten nur schlampig überliefert sind, diese Abstammungslinie wäre konsequent. Am Ende des Prozesses langwieriger Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit stehen die zumeist peinlichen Partei- und Firmenhymnen. Am Ende steht die ritualisierte Unterwerfung des denkenden Individuums unter die teuflische Gruppendynamik von Aneignungskollektiven politischer und wirtschaftlicher Macht.
Von dem Augenblick an, wo sie sich eine Gruppierung z.B. »emanzipatorisch« nennt, ist es mit der Emanzipation schon Essig. Die Lobeshymne auf die eigenen Positionen bedingt förmlich den Schmähgesang auf die der Anderen. Jeder Ausschließlichkeitsanspruch ist absolut. Man verdammt Avantgarde-Ansprüche in der Theorie, die Praxis ist das genaue Gegenteil. Schließlich geht es um Macht. Inhaber von Macht teilen diese nie freiwillig, das wäre der Anfang von Machtverlust. Schon die Erinnerung an die Zustände vor dem eigenen Machtantritt erregt Gefühle von Abscheu und Ekel.
Das erklärt die verbogene Wahrnehmung der jüngsten Geschichte bei den diesjährigen »Gedenk- und Erinnerungsmeisterschaften«. Die Linke macht da kaum eine Ausnahme. So mancher Kotau vor der »öffentlichen Meinung« über die DDR erinnert an ein Spottlied Wolf Biermanns über einen Mann, dem sein verdreckter Fuß missfällt: Er hackt ihn einfach ab. Die oben zitierten »hellgrünen Steine« Goethes sind nicht einmal mehr die »Stasis«, eher die Leute, die man einer irgendwie gearteten Nähe zu ihr bezichtigt. Die sind das Laabssche »Diffuse«. An die abgenutzten Sündenböcke der Wendezeit glauben allenfalls noch Christoph Matschie und die Redakteure der »Super Illu«. Ob ersterer weiß, dass in Erfurt einst die berühmten »Dunkelmännerbriefe« gegen die Politscharlatane des Spätmittelalters geschrieben wurden?
Während die Mordrets um ihren Platz am Katzentisch der Jubelfeiern buhlen, natürlich in Aschegewänder gekleidet die Schuld der Väter abzutragen, beginnt die Künstler-Generation ihrer Kinder die Stimme zum Widerspruch zu erheben. Für sie sind die Mythen verbraucht oder im Fantasy-Sumpf verschlissen. Ihr Zugriff ist direkter. Symptomatisch ist dafür die Ausstellung »Berlin 89/09« in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg. Da stellt z.B. die 1979 geborene Sarah Schönfeld ein Foto-Tryptichon aus dem Jahre 2005 aus. Drei großformatige Farbtafeln bilden die verwüsteten Innenräume ihres ehemaligen Kindergartens ab. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich auf jedem Dokument des Barbarentum ein aufgeklebtes schwarz-weißes Kleinbildfoto ihres positiv erinnerten Kindergartenalltags. Schönfelds Arbeit trägt den Titel »Mama du Sau«. Das scheint hart, sie zitiert damit aber nur eine auf die Tapete des Gruppenraumes geschmierte Inschrift.
Die Ängste der Generation unserer Töchter und Söhne sind ernst zu nehmen… Der britische Historiker Hobsbawn bestätigte diese: Das Leid der Menschen wird zunehmen.
Die Künstlerin macht nichts anderes als die Warnung Friedrich Rochlitzens ernst zu nehmen: Sie sucht die »später gefundene Wahrheit«, die machtschleimige Interpretation, aus ihren Bildern herauszuhalten und unterzieht das Heute kühler Anamnese. Der Befund ist gnadenlos. Schönfeld steht mitnichten allein. Die aus ihren Untersuchungsbefunden ablesbaren Ängste der Generation unserer Töchter und Söhne sind sehr ernst zu nehmen. Der britische Historiker Eric Hobsbawm bestätigte diese jüngst: »Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns … auf eine Tragödie zubewegen. Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen …«
Hobsbawm will nicht Recht behalten. Allerdings verlangen die jetzt schon vorliegenden Befunde radikalere Lösungsmodelle, als sie linke Politik augenblicklich auch nur zu denken wagt. Da ist noch einiges zu erwarten.
Wolfgang Brauer wurde 1954 in Aschersleben geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Potsdam und Berlin; Studienrat a.D., zur Zeit als Kulturpolitiker für die LINKE in Berlin tätig.