Neues Deutschland: Aufsehen erregend, von Tom Mustroph
Aufsehen erregend
Sarah Schönfelds Fotoserie »Kolyma«
Von Tom Mustroph
Grauen und Schrecken haftet dem Kolyma-Gebirge an, gilt es doch spätestens seit Alexander Solschenizyns »Archipel Gulag« als einer der Standorte von Menschen geschaffener Höllen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Solschenizyn hat die junge Fotografin Sarah Schönfeld diese Gegend besucht und eine Aufsehen erregende Fotoserie mitgebracht. »Kolyma«, derzeit in der Galerie Kunstagenten in Mitte zu sehen, beeindruckt nicht, weil der vergangene Schrecken dort sichtbar wäre, doch das Wissen darum durchwirkt lediglich die Bilder.
Schönfeld hat vielmehr imposante Landschaftsfotos in den vom Uranbergbau gezeichneten Gegenden geschossen und das merkwürdige Gemenge des postsozialistischen Alltags festgehalten. Mädchen im globalisierten Outfit tanzen in der Halle eines definitiv als sozialistisch erkennbaren Kulturhauses. Ein Junge in Sneakers posiert am Hafen, im Hintergrund ein moderner Büroturm sowie die typischen Plattenbauten. Schönfeld kontrastiert diese Arbeiten mit vergrößerten Scans alter Filmstills. Die Bildoberfläche ist meist völlig zerfressen. Bakterien und Erosionsprozesse haben Strukturen in das Zelluloid gebrannt, die mit den Strukturen der Schönfeldschen Fotos in Beziehung stehen.
Die Linien der Zerstörung auf dem Filmmaterial verlaufen parallel zu den Kammlinien des Gebirges. Manchmal haben sich Kuben eingefressen, die den Umrissen der Plattenbauten entsprechen. Die Künstlerin hat Bilder aus den beiden Werkgruppen zu Diptychen zusammengestellt. Heutiger Blick wechselt sich mit dem vergangenen ab. Interessant wird es, wenn über die Strukturen hinaus auf dem verrotteten Filmmaterial sogar noch eine Silhouette erkennbar ist. Eine alte Frau etwa, die etwas trägt. Am deutlichsten in einer Straßenszenerie. Mann und Frau flanieren eine Allee entlang. Kleidung und Autos verweisen auf die 50er oder 60er Jahre. Eine alltäglich-idyllische Oberfläche hatte eben auch das Leben in Ostsibirien, sagt dieses Motiv. Die Filmrollen hatte Schönfeld per Zufall bei ihren Streifzügen in einem alten Kino in Ust-Omtschug gefunden.
»Kolyma« ist eine bemerkenswerte Serie einer Künstlerin, die zu den hoffnungsvollsten Nachwuchstalenten gezählt wird. Derzeit sind Arbeiten von ihr auch in der Schau von Stipendiaten im Haus am Lützowplatz zu sehen.
28.03.2008 / Berlin/Brandenburg / Seite 17
