genius loci_landscapes

8 Foto-Objekte 52/182 cm hinter Acryl, gerahmt

Sammlung der Berlinischen Galerie (ehemals viertes Obergeschoss des Shell Hauses in Berlin)

Die schlichte Gestaltung der Räume und Flure des GASAG-Gebäudes führt dazu, dass der Einzelne oft unaufmerksam durch das Haus eilt. Die Arbeiten des Projektes „Kunst im Bau“ lassen den Passanten allerdings aufmerken. Raum und Kunst werden vielfach miteinander verbunden und nehmen Bezug aufeinander. Manche der Werke sind derart in das Gebäude integriert, dass sie sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschließen und somit einen besonderen, einzigartigen Reiz gewinnen. So verhält es sich auch bei der Installation von Sarah Schönfeld.Ihre oberhalb der Türen angebrachte Objekte in einem der Flure des vierten Geschosses imitieren die Gestalt der originalen Oberlichter. Die neun Fotografien hinter Acrylglas greifen in ihrer Rahmung exakt auf die Gestalt, Maße und Farbigkeit der neun gegenüberliegenden Oberlichter zurück. Das führt dazu, dass sie erst bei genauem Hinsehen als nicht originärer Teil des Hauses erkannt werden.

Hier werden Details aus dem Gebäude, wie zum Beispiel Teile des Fahrstuhls oder der Geländer des Treppenhauses, Teppichkanten oder Abdeckungen der Kellerfenster von so nah betrachtet, dass sie sich ihrem eigentlichen Zusammenhang entziehen und eine andere, eine neue Wirklichkeit schaffen. Mit diesem, den Betrachter verwirrenden Moment, spielt die Künstlerin in doppelter Hinsicht: So wie die Arbeit selbst nur mit geschärftem Blick zu entdecken ist, so werden auch die einzelnen Motive erst bei längerer Betrachtung kenntlich.Alle Fotografien sind in zwei horizontale Ebenen unterteilt und erzeugen Assoziationen von Landschaften. Der weite (Aus-)Blick auf den imaginären Horizont entwickelt sich also bei intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema zu einem (Ein-)Blick in das Gebäude. Die Bilder erwecken ein Gefühl von sehr großer Weite und Ferne. Eine der Aufnahmen erscheint geradezu wie der Blick aufs Meer. Die untere Hälfte ist blau und erinnert an das Wasser, die obere Hälfte stellt sich in Rottönen dar, die in ihrer Farbigkeit wie ein Himmel bei Sonnenuntergang wirken.

In ihrer horizontalen Ausrichtung und dem Bezug zur Natur erinnern die Fotografien an einige Landschaftsbilder der Deutschen Romantik. Wie der „Mönch am Meer“ richtet der Betrachter seinen Blick auf den Horizont und verweilt andächtig einen Moment. Die Beziehung des Menschen zur Natur und zu seiner Umwelt und die mit ihr verbundenen Gedanken und Gefühle sind zentral für die Bilder der Romantik. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt liegt auch den Detailaufnahmen Sarah Schönfelds zu Grunde. Oft hat sie sich in ihren Arbeiten mit dem Wechselspiel zwischen Mikro-, und Makrokosmos beschäftigt und dem Betrachter somit neue Perspektiven auf Gegenstände und Orte ermöglicht. Sie nähert sich dem Gegenstand so sehr, dass dadurch paradoxerweise eine enorme Entfernung entsteht und eine neue Dimension eröffnet wird.

Der Titel der Arbeit verweist auf die antike Tradition des „genius loci“, der während der Romantik wieder Einzug in Kunst und Wissenschaft erhielt. Der aus der römischen Antike stammende Begriff des „genius loci“, der Geist des Ortes, bezeichnete ursprünglich eine dort anwesende Schutzgottheit. Heute wird damit eher die Atmosphäre oder der Charakter eines Ortes beschrieben, aber auch der „Teamgeist“ einer Gruppe, die den Geist der jeweiligen Umgebung ausmacht. Durch den Titel der Arbeit schafft Sarah Schönfeld einen weiteren Brückenschlag zwischen dem Haus und dem an ihm arbeitenden Menschen. Das Kunstwerk integriert sich somit nicht nur formal, in Gestalt der Rahmung, sondern auch inhaltlich in das GASAG-Gebäude.

Ziel ist es, den Betrachter zu fordern, ihn nicht sofort vor vollendete Tatsachen zu stellen. Dieser Aspekt ist charakteristisch für die Arbeiten der Künstlerin, die sich bisher hauptsächlich mit Fotografie beschäftigt hat. Das Wechselspiel von Fiktion und Realität, von Schein und Sein und dem verfälschenden Charakter der Erinnerung taucht in vielen ihrer Arbeiten auf. So sucht sie in einer anderen Arbeit Orte ihrer Kindheit auf und dokumentiert fotografisch den heutigen Zustand, den sie im Folgenden mit ihren Kindheitserinnerungen verbindet.

Die Auseinandersetzung mit Orten und den damit verbundenen Assoziationen, die subjektive Rezeption der Menschen, die Inanspruchnahme und Veränderung des Ortes durch den Anwesenden machen die Besonderheit dieser und anderer Arbeiten von Sarah Schönfeld aus.

Florian Bielefeld