Financial Times: Was haben Sie sich dabei gedacht? von Judith Borowski

Was haben Sie sich dabei gedacht, Frau Schönfeld?

Ein Interview von Judith Borowski/ Financial Times Deutschland

2006 reiste ich mit einem Fotoapparat und großer Neugier nach Sibirien. Drei Monate erforschte ich eine Gegend, die sprichwörtlich für Verbannung und Straflager, aber auch für Kälte und Unwirtlichkeit ist. Stalin besiedelte diese Gegend nord-östlich von Japan in den 1930iger Jahren mit knapp einer Million Zwangsarbeiter, um Uran und Gold zu schürfen, Strassen und Häuser zu bauen – in denen heute die Menschen noch immer leben. Der russische Schriftsteller Alexander Soltschenyzin hat in seinem Buch “Archipel GuLag” genau diese Gegend und ihre Geschichte beschrieben: Kolyma.

Interessiert hat mich vor allem, wie aussieht, wie die Menschen dort mit und mitten in dieser niederdrückenden Geschichte leben. Ich habe mich umgesehen, Gespräche mit den Bewohnern geführt und viele Fotos gemacht. Als ausreichend empfand ich mein Material jedoch nicht, zu ungreifbar das, was man als Geschichte und Zeit begrifflich zu machen sucht, an einem Ort der als von Menschen geschaffene Hölle galt. Doch kurz vor Ende meiner Reise stieß ich zufällig am Rande einer heuntergekommenen, halb verfallenen Plattenbausiedlung auf alte Kinofilme. Eine große Grube voller alter, verrotteter Filme. Das örtliche Kino hatte vor 15 Jahren geschlossen…Dieser Fund und mein aufgenommenes Material bilden nun die Grundlage meiner aktuellen Fotoserie “Kolyma”: Zentral sind für mich die zwei Perspektiven auf diesen Ort und seine Geschichte: Mein Blick einerseits und der Ort selbst, der durch die Verwitterung der Kinofilme fast physisch anwesend ist, andererseits. In dem Dyptichon “Kolyma” beispielsweise begegnen sich diese zwei Perspektiven, indem sie einander ergänzen. Zu sehen ist die Landschaft des Kolyma-Gebirges, fortgeführt von der an diesem Ort verwitterten Stuktur eines alten russischen Kinofilmstills. Auf diesem ist nur noch schemenhaft zu erkennen, was er früher einmal gezeigt hat, aber umso mehr beschreibt er durch seine Kratzer und Verwesungen den Fortgang der Zeit, was das Foto auf eine andere Art und Weise formuliert: die endlose Weite der Natur, die sich scheinbar durch nichts beeindrucken lässt.

In der Serie sind als Pendants der Kinobilder neben der Landschaft auch die Menschen, ihre Orte und die verfallenen Lager zu sehen. Manchmal stehen sie für sich, oft bilden sie ein Gegenüber oder einen Kontrast zu dem gefundenen Material.