Berliner Zeitung: Zwanzig ziemlich kurze Jahre, von Sebastian Preuss

Die Berlinische Galerie am Puls der Geschichte: Ihre Ausstellung “Berlin 89/09″ zeigt 20 Jahre Kunst nach dem Mauerfall

Sebastian Preuss

Der Palast der Republik ist allgegenwärtig in dieser Ausstellung. Und wer seinen Abriss favorisierte, den müssen die Kunstwerke eigentlich nachdenklich stimmen. Wie ein Fetisch zerstörter Erinnerung taucht die in ihrer ganzen Scheußlichkeit so majestätisch wirkende Architektur immer wieder auf: Bei Tacita Dean als grobkörnige Fotogravüren, auf denen die Spiegelfassaden golden und die Domkuppel fast traumverloren schimmert. In Sophie Calles Serie “Die Entfernung” als Stück Fassadenfläche, von dessen staatstragender Markierung nur noch die Träger des großen, einst hier hängenden Hammer- und Zirkel-Abzeichens erhalten sind. Oder auf Michael Weselys zweieinhalb Jahre belichtetem Großfoto, das den quälend langen Abriss zu einem geisterhaften Schauspiel einfriert.

Begreift man Kunst als Gradmesser von Befindlichkeiten, dann erweist sich die Zerstörung des Palastes schon als ein kapitaler historischer Fehler. Die Debatte ist vorbei, der Abriss irreparabel. Geblieben sind Bilder, die nicht unbedingt von Verlust oder gar Trauer zeugen, wohl aber von einem untrüglichen Gespür für eingebrannte Erinnerungsbilder in unserem Gedächtnis – das kann gute Kunst leisten.

In “Berlin 89/09″ taucht nicht nur der zerstörte Palast als künstlerisches Phantom auf, sondern die ganze Stadt der Nachwendezeit wird zur Projektionsfläche. Es ist der Beitrag der Berlinischen Galerie zum Jubiläum des Mauerfalls, zugleich ein Schaufenster von der so viel und litaneihaft beschworenen, aber doch auch wirklich existierenden künstlerischen Potenz in Berlin. Zwei Jahre nach seiner letzten großen Ausstellung zur Gegenwartskunst meldet sich das Landesmuseum der Moderne mit einer flächendeckenden Schau in der Szene zurück. “Wir wollen zeigen, dass die Berlinische Galerie ein ernstzunehmender Ort für zeitgenössische Kunst ist”, betont Kurator Heinz Stahlhut. Das hat das Haus auch bitter nötig, denn die Zeiten, da es im Kunstleben der Stadt prägend war, sind lange vorbei.

So kommt “Berlin 89/09″ gerade im rechten Moment, da Udo Kittelmann in der Nationalgalerie und im Hamburger Bahnhof die ersten Triumphe feiert, Klaus Wowereit mit seinen Kunsthallenplänen prunken will und die Temporäre Kunsthalle versucht, im zweiten Jahr noch einmal durchzustarten. In diesem Konzert macht die Berlinische Galerie jetzt mit ihrer neuen Ausstellung keine schlechte Figur, vor allem bringt sie einen eigenen Ton ein. “Kunst zwischen Spurensuche und Utopie” – der Untertitel ist kein leeres Versprechen. Es ist ein klares Konzept, nicht wie so oft heute durch dünne Pseudophilosophie aufgeschickt, sondern mit der Auswahl immer nahe am Thema. 44 Künstler können kein erschöpfendes Panorama bieten, aber das will “Berlin 89/09″ auch nicht. Vielmehr ist es eine kluge Mischung aus berühmten und weniger bekannten Künstlern, die durchweg mehr Aufmerksamkeit verdienten.

Die Ausstellung handelt von der zeitgenössischen Kunst in Berlin, aber zugleich thematisiert sie Geschichte, zu der viele Artefakte bereits gehören. Sie verfolgt zwanglos den Epochenumbruch, der 1989 die Welt, aber Berlin an der Nahtstelle von Ost und West ganz besonders heftig erschütterte. Manches ist Historie und erscheint schon ziemlich weit entfernt, etwa das Eingangsbild der Schau: Salomés “Abgang der Geschichte” von 1990, eine expressiv gemalte Parade von NVA-Soldaten, die ins Nirgendwo eines untergehenden Staates marschieren. Oder Bettina Sefkows Fotos der Sektkorkendrähte, die sie nach den Feiern zur Maueröffnung am Brandenburger Tor aufsammelte und vor weißem Hintergrund zu grafischen Gebilden entrückte.

In den frühen Neunzigern war Berlin vom Künstler-Mekka, das es heute ist, noch weit entfernt. Aber es entstanden Arbeiten, in denen der hautnah erlebte Umbruch eindringlich festgehalten ist. Raffael Rheinsberg sammelte 1990 ausgediente Holzschneeschieber in Ost-Berlin und lehnt sie in trauriger Reihe wie entlassene Brigadiers an die Wand. Frank Thiel fotografierte die letzten DDR-Wachsoldaten vor der Neuen Wache, Vincent Trasow manifestiert den Systemwechsel durch alte und neue Straßennamen, während Hans Hemmert merkwürdig amorphe, glasierte Skulpturen schuf, die ein heikles Vorleben haben: Sie dienten einst als Peitschenlampen-Hauben am Mauerstreifen.

Die Spurensuche der Künstler nach den Relikten der Geschichte dauert bis heute an. So zeigt Sarah Schönfeld Großfotos von übel verwüsteten Räumen: Es ist die Ruine ihres einstigen Kindergartens aus DDR-Zeiten, an den sie nur noch mit kleinen Schwarzweiß-Bildchen erinnern kann.

Spektakuläre Reliquien bietet Fred Rubin auf. Er barg vor dem Abriss Kristall-Leuchter aus dem Gebäude der ehemaligen Atombehörde in Karlshorst. Jetzt türmt sich ein monumentales Holzgerüst in der Museumshalle, darin funkeln die Lampenteile, anspielungsreich, aber etwas plakativ von alten, schäbigen Überwachungskameras kontrolliert. Aber auch die Untergangsspuren des alten West-Berlins kommen ins Visier, so bei John Armleder, der mit silbrigen Barhockern aus der aufgegebenen Lido-Bar am Kudamm vor einer abstrakten Schüttmalerei im Stil der New York School die Bindung der Inselstadt an ihre US-Schutzmacht memoriert – ein dünn konstruiertes Memento.

Die Ausstellung ist voller Klischees über das Post-Mauer-Berlin. Baustellen, Brachen, DDR-Interieurs, illegale Clubs, körnige Filmfahrten durch die Stadt – fast ist ein wenig zu viel davon zu sehen. Aber in Berlin sind diese Klischees von der Stadt im Umbruch eben immer noch Teil des Alltags. Nicht umsonst können sich Millionen von Touristen und Jung-Freaks aus der Provinz daran nicht satt sehen. Jede Transformation ist einmal zu Ende. Dann wird Berlins Mythos selbst zur Geschichte, und Kunst wie die hier gezeigte wird auch nicht mehr zeitgenössisch sein. Noch ist das aber alles Teil von uns, das macht die Ausstellung interessant und berührend.